Genogrammarbeit: So wird das Genogramm in der Praxis eingesetzt
Welche Rolle spielt das Genogramm in der systemischen Beratung?
Das Genogramm ist eine gemeinsame Landkarte der Familie: Es ordnet Daten und Beziehungen über mehrere Generationen und hilft, Muster zu erkennen und Fragen für das Gespräch zu entwickeln.
- Zuerst die Fakten: Personen, Lebensdaten, Heirat, Trennung, Tod.
- Danach die Geschichten: Beziehungen, Krisen, Umzüge, Krankheiten.
- Das Ergebnis sind Hypothesen und neue Fragen – keine Diagnosen.
- Üblich sind zwei bis drei Generationen, gemeinsam mit der Klientin oder dem Klienten erarbeitet.
Zeichnen können Sie es direkt im Genogramm-Tool.
Ein Genogramm ist schnell gezeichnet. Genogrammarbeit beginnt danach: wenn das Bild gemeinsam gelesen wird und aus Daten Fragen werden. Eingesetzt wird sie in der systemischen Beratung und Familientherapie, in der Sozialen Arbeit, in Supervision und Selbsterfahrung, im Coaching und in der Palliativversorgung.
Ziel ist, Beziehungen und wiederkehrende Muster über Generationen sichtbar zu machen – etwa Abhängigkeiten, Konflikte, Loyalitäten, Geheimnisse, Parentifizierung oder Migration – und daraus Hypothesen für das weitere Gespräch zu gewinnen. Eine gute Genogrammarbeit sucht dabei nicht nur nach Belastungen, sondern auch nach Stärken.
Ablauf in fünf Schritten
Auftrag und Einverständnis klären
Erklären Sie, wozu das Genogramm dient und was mit den Angaben passiert. Wer weiß, warum gefragt wird, erzählt offener – Transparenz nimmt Befürchtungen. Klären Sie auch, zu welchem Anliegen das Genogramm beitragen soll.
Die Fakten aufnehmen
Beginnen Sie mit dem, was sich leicht beantworten lässt: wer zur Familie gehört, Geburts- und Sterbejahre, Heirat, Trennung, Scheidung, Umzüge. Aus diesen Daten entsteht das Gerüst des Genogramms.
Beziehungen und Geschichten erfragen
Dann geht es um die Qualität der Beziehungen: Wer steht wem nahe, wo gibt es Streit oder Funkstille? Dazu kommen Krisen, Krankheiten, Verluste und die Geschichten, die in der Familie über sie erzählt werden.
Muster erkennen und Hypothesen bilden
Jetzt wird das Bild gelesen: Wiederholen sich Trennungen, Konflikte oder Rollen über Generationen? Was geschah vor, während und nach einer Krise? Wo verbünden sich zwei gegen einen Dritten? Daraus entstehen Hypothesen – Arbeitsannahmen, die im Gespräch geprüft werden.
Ressourcen sichtbar machen und abschließen
Ein Genogramm zeigt nicht nur Probleme. Fragen Sie auch nach Stärken: Wer hat geholfen, was hat die Familie getragen? Eine kurze schriftliche Zusammenfassung, die die Klientin oder der Klient korrigieren kann, hilft beim Verarbeiten.
Typische Fragen für das Genogramm-Gespräch
Die Reihenfolge folgt dem Ablauf: erst das Leichte, dann das Persönliche. Nicht jede Frage passt zu jedem Anliegen – wählen Sie aus.
Fakten
- Wer gehört für Sie zur Familie – auch jenseits der Blutsverwandtschaft?
- Wer hat wann geheiratet, wer hat sich getrennt?
- Wer ist verstorben, wann und woran?
- Wo haben die Generationen gelebt – gab es Umzüge oder Migration?
Beziehungen
- Wem standen Sie als Kind am nächsten?
- Zwischen wem gibt es Streit, zwischen wem ist der Kontakt abgebrochen?
- Wer spricht mit wem über schwierige Themen – und mit wem nicht?
Muster und Übergänge
- Gibt es Themen, die in mehreren Generationen auftauchen?
- Was war in der Familie los, als Sie so alt waren wie Ihr Kind heute?
- Welche Regeln galten in Ihrer Familie, ohne dass sie ausgesprochen wurden?
Ressourcen
- Wer hat in schwierigen Zeiten geholfen?
- Worauf ist Ihre Familie stolz?
- Was möchten Sie von Ihren Eltern oder Großeltern weitergeben?
Zirkuläre Fragen
- Was würde Ihre Schwester sagen, wie es Ihrer Mutter nach dem Umzug ging?
- Wer in der Familie würde als Erstes merken, dass sich etwas verändert?
Zirkuläre Fragen bitten eine Person, die Beziehung zwischen zwei anderen zu beschreiben. So kommen mehrere Sichtweisen ins Bild, ohne dass jemand direkt „über sich“ sprechen muss.
Genogrammarbeit in der Sozialen Arbeit
In der Sozialen Arbeit hilft das Genogramm beim Fallverstehen und bei der Vorbereitung von Hilfeplanung: Wer gehört zum Familiensystem, wer lebt mit wem, wer ist ansprechbar, wo gibt es Brüche? Gerade in Patchwork- und Pflegefamilien schafft das Bild schnell einen Überblick, den eine Aktennotiz nicht leistet.
- Mit der Familie gemeinsam zeichnen, nicht über sie – das stärkt die Beteiligung.
- Unterstützende Personen außerhalb der Familie mitdenken; dafür eignet sich zusätzlich ein Netzwerk- oder Ökogramm.
- Für die Akte pseudonymisieren: Rollen oder Initialen statt voller Namen. Mehr dazu im Abschnitt Datenschutz der Symbol-Übersicht.
In der systemischen Therapie und Beratung
Hier steht die Mehrgenerationen-Perspektive im Vordergrund: Probleme werden nicht als Eigenschaft einer Person gesehen, sondern im Zusammenhang der Familie über mehrere Generationen. Das Genogramm macht diesen Zusammenhang sichtbar – zum Beispiel, wenn sich eine Rolle, ein Konflikt oder ein Verlust in mehreren Generationen wiederholt, oder wenn zwei Familienmitglieder sich gegen ein drittes verbünden (Triangulation). Solche Beobachtungen werden als Frage an die Familie zurückgegeben, nicht als Befund.
Varianten
- Beziehungen farbig markieren, etwa Grün für Nähe und Rot für Konflikt.
- Das Genogramm im Raum aufstellen oder „begehbar“ machen, statt es nur zu zeichnen.
- Das Umfeld einbeziehen: Schule, Arbeit, Nachbarschaft, Hilfesysteme.
- Die Klientin oder den Klienten selbst zeichnen lassen – Auslassungen und Reihenfolge sind oft aufschlussreich.
- Digital arbeiten, etwa im Genogramm-Tool – praktisch in Online-Sitzungen per Bildschirmfreigabe – oder auf Papier mit einer Vorlage zum Ausdrucken.
Risiken – und wie man ihnen begegnet
- Starke Gefühle: Verluste, Gewalt oder Sucht können aufbrechen. Tempo drosseln, Pausen anbieten und bei Bedarf in eine Psychotherapie weitervermitteln.
- Unruhe in der Familie: Wenn Klientinnen und Klienten bei Angehörigen nachfragen, kann das alte Konflikte berühren. Vorher besprechen, wen man fragt und wie.
- Belastende Assoziationen: Bei älteren Menschen kann eine Abstammungszeichnung an Stammbäume aus der NS-Zeit erinnern. Das offen ansprechen.
- Zu viel Vergangenheit: Eine lange Familiengeschichte kann vom aktuellen Anliegen ablenken, und der Blick auf Abstammung kann die eigene Beziehungsgeschichte verdecken. Den Auftrag im Blick behalten.
- Geheimnisse und Tabus: behutsam ansprechen und die Menschen schützen, über die gesprochen wird.
Literatur
- Monica McGoldrick, Randy Gerson, Sueli Petry: Genogramme in der Familienberatung. 5., überarbeitete Auflage. Hogrefe, 2022, ISBN 978-3-456-86159-3.
- Bruno Hildenbrand: Einführung in die Genogrammarbeit. 6. Auflage. Carl-Auer, 2024, ISBN 978-3-89670-539-6.
- Bernd Roedel: Praxis der Genogrammarbeit. 6. Auflage. Verlag modernes lernen, Dortmund 2010.
- Jürgen Beushausen: Genogramm- und Netzwerkanalyse. Vandenhoeck & Ruprecht, 2012.
- Jürgen Beushausen: Genogramm. In: socialnet Lexikon. socialnet.de/lexikon/genogramm
Häufige Fragen
- Was ist Genogrammarbeit?
- Genogrammarbeit ist die gemeinsame Arbeit mit einem Genogramm in Beratung, Therapie, Sozialer Arbeit, Supervision oder Coaching. Das Genogramm wird dabei nicht nur gezeichnet, sondern im Gespräch erarbeitet und gelesen: Es macht Beziehungen und wiederkehrende Muster über Generationen sichtbar und liefert Fragen für die weitere Arbeit.
- Welche Fragen stellt man bei der Genogrammarbeit?
- Zuerst Faktenfragen (wer gehört dazu, Lebensdaten, Heirat, Trennung, Tod), dann Fragen nach Beziehungen (wer steht wem nahe, wo gibt es Konflikte), nach Mustern über Generationen und nach Ressourcen. Oft kommen zirkuläre Fragen dazu, etwa: „Was würde Ihr Bruder sagen, wie es Ihrem Vater damit ging?“
- Was sind typische systemische Fragen?
- Zu den bekanntesten gehören zirkuläre Fragen (eine Person wird gefragt, wie sie die Beziehung zwischen zwei anderen sieht), hypothetische Fragen („Was wäre, wenn …?“), Skalierungsfragen („Auf einer Skala von 0 bis 10 …“) und die Wunderfrage („Angenommen, über Nacht wäre das Problem gelöst …“). In der Genogrammarbeit helfen vor allem zirkuläre Fragen, Beziehungen aus mehreren Blickwinkeln zu sehen.
- Wo wird Genogrammarbeit eingesetzt?
- In der systemischen Beratung und Familientherapie, in der Sozialen Arbeit etwa im Fallverstehen und bei der Hilfeplanung, in der Supervision und Selbsterfahrung, im Coaching – zum Beispiel bei beruflichen Fragen – und in der Palliativversorgung, wo die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin ein eigenes Genogramm-Formblatt erläutert.
- Braucht man für Genogrammarbeit eine Ausbildung?
- Ein Genogramm zeichnen kann jede und jeder. Die Arbeit mit belastenden Themen wie Verlust, Gewalt oder Sucht kann aber starke Gefühle auslösen. Dafür braucht es Erfahrung, Supervision und im Zweifel die Weitervermittlung in eine Psychotherapie.
In English: Genograms in therapy